Zum Inhalt springen

Enshittification – Wie Tech-Konzerne uns ausbeuten und was wir dagegen tun können

von Cory Doctorow

4,5 von 5

Wenn alles immer schlechter wird, dann gibt es dafür einen Begriff: Enshittification. Und das ist weiter mehr als nur nervig.

Kannst du dich erinnern, als Amazon vor einigen Jahren ungefragt angefangen hat, Werbung in deinem Prime Video Abo auszuspielen, obwohl du doch jedes Jahr kräftig dafür zahlst?
Oder als Netflix nur noch mit Werbung bezahlbar wurde?
Oder als Amazon in den Suchergebnissen plötzlich fast nur noch gesponsorte Produkte angezeigt hat?

Dann erinnerst du dich vielleicht auch noch an die Zeit davor. Als man bei Netflix oder Amazon Prime Filme ohne Werbung für sein Abo bekommen hat. Oder als man Google und die Amazon Suche nutzen konnte, ohne von Werbung erschlagen zu werden.

Dieses Prinzip hat einen Namen: Enshittification

Was ist „Enshittification“

Mit dem Wort Enshittification hat Cory Doctorow – Autor des gleichnamigen Buches Enshittification – Wie Tech-Konzerne uns ausbeuten und was wir dagegen tun können, um das es hier noch gehen soll – bereits 2022 erstmals beschrieben, wie sich digitale Angebote nach einer Zeit systematisch verschlechtern, sobald sie eine ausreichend große Lock-in-Situation für die Nutzenden geschaffen haben.

Einst großartige und für Nutzende geschaffene Produkte werden mit der Zeit immer schlechter, weil die Anbieter den Fokus von den Nutzenden auf (Werbe-)Kunden und Aktionäre verschieben.
Dazu bieten sie ihre Produkte zunächst kostenlos an und sobald die Sogwirkung oder Netzwerkeffekte groß genug sind und Nutzende nicht mehr zu Alternativen wechseln können, beginnt die Shitshow: Produkte oder Produktbestandteile funktionieren plötzlich nur noch mit kostenpflichtigem Abo, werden mit Werbung überladen oder sind einfach nicht mehr nutzbar, weil die Inhalte nur noch algorithmisch „optimiert“ angezeigt werden.

Obwohl der Begriff schon 2022 erstmals geprägt wurde, erhält er dieser Tage eine Renaissance oder stärkere Aufmerksamkeit, die ganz sicher an der Flut von AI Slop und den Auswirkungen von AI generell auf unsere Gesellschaft hat. Hierzu hat Doctorow auch direkt ein weiteres Buch nachgeliefert, das ich aktuell ebenfalls lesen: The Reverse Centaur’s Guide to Life After AI: How to Think About Artificial Intelligence Before It’s Too Late.

Was können wir gegen die Enshittification tun?

2026 ist Doctorows Buch zur Enshittification nun auch auf Deutsch erschienen, für 24 € gibt es die gebundene Ausgabe zu kaufen. Und ob nun ins Deutsche übersetzt oder als englisches Original: Das Lesen der knapp 450 Seiten lohnt sich!

Denn Doctorow macht klar: Hier geht es nicht nur um Produktverschlechterung für Konsumenten, sondern dieser „Trend“ hat massive Auswirkungen auf unsere Gesellschaften, in dem es Ungleichheiten verstärkt und bestimmte Bevökerungsgruppen systematisch schlechterstellt.

Doch Doctorow weiß auch Rat, wenn auch mit Grenzen: Die Rückkehr zu echter Regulierung und Stärkung der Arbeitnehmenrechte.

Was hat dieses Buch mit meinem Kleinanleger-Depot zutun?

Jetzt könnte man das Buch als sozialistische Kampfschrift verstehen. Doctorow beschreibt sich selbst als Linken, der dem Kapitalismus argwöhnisch gegenübergestellt sei. Doch wäre das verkürzt, denn eigentlich – so scheint mir – geht Doctorow noch eine ebene Tiefer.

Er schreibt: Während der Kapitalismus vor 20 Jahren das Internet als etwas Wildes und Ungezügeltes schuf, in dem sich Menschen mit unterschiedlichsten Ansichten treffen, austauschen und organisieren konnten, ist der Kapitalismus von heute für das genaue Gegenteil verantwortlich: Für digitalen Müll, für Bots und Betrug.

Kapitalismus per se ist also nicht nur schlecht. Sein Appell: Wir können uns das Internet von früher zurückholen.

Das finde ich extrem relevant. Denn aus Anlegersicht stellt sich ja schon auch die Frage, wann bestimmte Geschäftsmodelle überreizt sind oder wie lang eine Wachstumsstrategie noch funktioniert und wann sich ein Unternehmen nicht nur auf die Aktionäre sondern (wieder) vielmehr auf seine Kunden konzentrieren sollte.

Doctorows Gedanken sind fesselnd, seine Beispiele witzig und traurig zugleich, seine Schlussfolgerungen schlüssig. Und doch gibt es manchmal Längen, die man gern überskippen möchte. Für mich daher eine 4,5 von 5.
Ach, übrigens: Das Buch wurde als Wissensbuch des Jahres 2026 nominiert.

Falls du vor der Lektüre tiefer ins Thema einsteigen willst, empfehle ich dir dieses Interview:

Alles über Enshittification – Wie Tech-Konzerne uns ausbeuten und was wir dagegen tun können
Autor Cory Doctorow
Verlag Aufbau Verlage
Erscheinungsjahr 2026
ISBN 9783351051433
Preis 24,00 €
Gefällt dir dieser Beitrag?
Adrian

Depot Tagebuch von

Adrian

Seit 2017 und damit viel zu spät, bin ich an der Börse.
Seitdem versuche ich die verpassten Jahre aufzuholen. – Sowohl beim Wissen als auch bei der Rendite. Meine Lernkurve ist steil, manchmal zu steil. Und um dir und anderen meine Fehler zu ersparen, dokumentiere ich hier auf monatlicher Basis meine Depotentwicklung, kommentiere Marktereignisse oder teile spannende Informationen.